02. Mai. 2010
Zähneknirschen, Ohrgeräusche, Kopf- und Nackenschmerzen – Auslöser dafür kann eine Funktionsstörung des Kauorgans sein, also der Zähne, der Kaumuskeln, des Kiefers oder Kiefergelenks.
Den folgenden Artikel las ich vor ein paar Tagen ihn unserem Rheinbacher Wochenblatt:
(dbp/nas) Ein falscher Biss oder die vorzeitige Abnutzung einzelner Zähne kann Folge wie auch Ursache einer Überlastung der Muskulatur oder einer Arthrose im Kiefergelenk sein.
Um solche Störungen aufzuspüren, kommt die sogenannte zahnärztliche Funktionsdiagnostik zum Einsatz. Der Name ist dabei Programm: „Es geht darum, den Funktionszustand des Kauorgans zu überprüfen“, erklärt Professor Ulrich Lotzmann, Direktor der Abteilung für Orofaziale Prothetik und Funktionslehre an der Universitätszahnklinik Marburg.
Funktionsdiagnostik heißt zunächst: Handarbeit
Was sich hinter dem Begriff „Funktionsdiagnostik“ verbirgt, ist zunächst einmal eine einfache Untersuchung. Der Patient muss zum Beispiel den Unterkiefer in verschiedene Richtungen bewegen. Dabei übt der Arzt zusätzlich Druck auf den Kiefer und das Kiefergelenk aus.
Beim Aufeinanderpressen der Zähne wird erkennbar, inwieweit der Patient Muskelkraft aufbauen und aufrechterhalten kann. So überprüft der Zahnarzt, ob Schmerzen auftreten und ob Einschränkungen oder eine Überbeweglichkeit bestehen.
„Ein manueller Kurztest dauert nur ein paar Minuten und verrät schon viel über den Funktionszustand des Kauorgans“, sagt Professor Lotzmann. Gibt es Hinweise auf Probleme, folgen weitere manuelle Untersuchungen und gegebenenfalls der Einsatz bildgebender Verfahren wie Röntgen oder die Kernspintomografie.
Das Kauen mechanisch simulieren
Eine genaue Darstellung der Bissverhältnisse kann gegebenenfalls ein „Artikulator“ – ein mechanischer Kau- und Gelenksimulator – liefern. Darin werden Gipsmodelle der Zahnreihen des Patienten montiert, wie Professor Lotzmann erläutert. Auf diesem Weg ist es sogar möglich, geplante Veränderungen im Aufbiss zu simulieren.
Das technische Spektrum in der Funktionsanalyse reicht bis hin zu computergestützten Registrierverfahren, die die Bewegung des Unterkiefers, die Aktivität der Kaumuskulatur und mögliche Gelenkgeräusche dokumentieren.
Oft liegen Muskelprobleme vor
Die häufigsten Funktionsstörungen sind dem Professor zufolge Muskelprobleme, die bis in den Nacken und Rücken ausstrahlen können. Besteht der Verdacht, dass nicht oder nicht nur zahnmedizinische Ursachen für die Beschwerden des Patienten verantwortlich sind, werden Experten anderer Fachrichtungen eingebunden.
Sind zahnmedizinische Behandlungen nötig, werden sie in der Regel durch eine Physiotherapie oder Biofeedback ergänzt. „Patienten, die so behandelt werden, sind schneller wieder beschwerdefrei“ , sagt Professor Lotzmann.
Er schätzt, dass jeder vierte Patient, der auf einem Zahnarztstuhl Platz nimmt, unter Funktionsstörungen leidet oder zumindest kompensierte Funktionsstörungen aufweist. Die entsprechende Diagnostik ist übrigens Teil jeder zahnärztlichen Ausbildung. Eine Spezialisierung ist über Weiterbildungen möglich.
Autor(en): Nadja Schwarzwäller (gd-Redaktion)
Quelle(n): Interview mit Professor Ulrich Lotzmann, Direktor der Abteilung für Orofaziale Prothetik und Funktionslehre Universitätszahnklinik Marburg, (November 2009); Online-Informationen der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und -therapie (www.dgfdt.de, aufgerufen im November 2009); Stellungnahme „Klinische Funktionsanalyse“ der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde und der Deutschen Gesellschaft für Funktionsdiagnostik und Therapie, Stand: 01/2003 Ein Beitrag vom 18.02.2010
Stichwörter: Funktionsdiagnostik, Zahnarzt, Kieferstellung, Zahnreihen, Gebiss
Kommentar
Leider wird in dem obigen Artikel „Funktionsdiagnostik: Ein falscher Biss kann für Schmerzen sorgen" nicht klar gesagt, dass die Ursache all dieser Probleme in einer Differenz zwischen Okklusion (Zusammenwirken der Zähne) und der Ruheposition des Kiefergelenks am Schädelskelett begründet liegt.
Sind Muskelprobleme wirklich die Ursache?
Solange die maximale Verzahnung nicht mit der Schluckposition des Kiefergelenks übereinstimmt, kommt es zu Störungen der Muskulatur, die sich in Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, Migräne, Tinnitus (Hörsturz) und Zahnschmerzen manifestiert:
Cranio Mandibuläre Dysfunktion (CMD), heißt nichts anderes, als dass der Kopf und der Unterkiefer des Patienten nicht richtig miteinander funktionieren.
Prinzipien einer guten Okklusion
Ausgelöst wird die Problematik der CMD durch den täglichen Disstress (negativen Stress), dem jeder Mensch ausgeliefert ist. Zum Stressabbau, besonders in der Nacht ist deshalb eine gute, sich selbst schützende Okklusion erforderlich, um Schaden am System zu vermeiden. Die Okklusion muss so eingestellt sein, dass keine falschen Zahnkontakte speziell im Backenzahnbereich vorhanden sind und die Frontzähne die Seitenzähne bei seitwärts Bewegungen schützen können. Ist eine Okklusion nach diesen Prinzipien „gebaut", kann sie jahrzehntelang unproblematisch und schmerzfrei funktionieren.
Umfassende Diagnostik sorgt mit Unterkieferschiene für Schmerzfreiheit
Erfolgt eine richtige Diagnostik des gesamten Kausystems, so werden die Ursachen erkannt und können beseitigt werden. Eine Aufbissschiene im Unterkiefer nach den oben genannten Kriterien der Okklusion hergestellt, kann in wenigen Tagen die Störungen beseitigen, das System ruhig stellen und die Schmerzen verschwinden lassen. Auch macht sie das System stresstolerant und beschwerdefrei.
Was ist eine „richtige Diagnostik" die bei der RRzF gelehrt wird?
Nach unserer Meinung gilt es folgende Punkte der Diagnostik einzuhalten, durch die überhaupt eine funktionierende Knirscherschiene bzw. eine fundierte Therapie der Kiefergelenksbeschwerden ermöglicht wird.
- Patienten Erstgespräch und Anamnese
- Klinische Funktionsanalyse inklusive einer elektronischen Erfassung der Bewegungen des Kiefergelenks (Kondylografie, Condylographie oder auch Axiographie)
- Modellherstellung mit achsgerechter Montage des Oberkiefers und gelenkdominanter Montage des Unterkiefers in Stützstift Höhe 0
- Instrumentelle Funktionsanalyse im Artikulator nach Werten der elektronischen Gelenkaufzeichnung
- Erfassung der Differenz zwischen zentrischer und habitueller Zahnposition am Ort des Kiefergelenks. (CPM, MPI)
- Fernröntgenseitenbild zur Entscheidung ob Einschleifen oder eine Schiene kontraindiziert sein könnten
Auswerten der Befunde, danach Herstellen einer Schiene im Unterkiefer nach den gefundenen Werten
„Ein manueller Kurztest, der nur ein paar Minuten dauert", wie Professor Lotzmann es im Artikel beschreibt, kann allenfalls erste Vermutungen ermöglichen, aber keine Grundlage für eine funktionierende Schiene sein, die dem Zahnarzt erlaubt seinen Patienten bis zur Schmerzfreiheit zu behandeln.
Funktionsdiagnostik in der zahnärztlichen Ausbildung?
Dass die Systematik der Diagnostik (Funktionsanalyse) dieser Probleme zur Ausbildung eines jeden Zahnmedizinstudenten gehört (wie im Artikel erwähnt) wäre wünschenswert, wird jedoch in der Regel nur äußerst selten an deutschen Universitäten erfüllt. Auch die im Artikel beschriebene Mithilfe von anderen Disziplinen (Physiotherapeut, Orthopäde) wird an den Universitäten in der Regel weder eingeübt noch geleistet. Seit über 25 Jahren lehrt die RRzF die Funktionsanalyse und bisher gab es noch keinen fertigen Studenten, der das Fachgebiet auch nur annähern beherrschte.
Funktionsdiagnostik und ihre Systematik als Grundausstattung in der Zahnmedizin
Selbst die Okklusionsdiagnostik, Domäne der Zahnärzte, bleibt auf den Universitäten kläglich auf der Strecke und muss erst später mühsam in speziellen CMD Fortbildungen zeitaufwändig gelernt werden. Dabei wäre es so einfach den unverbildeten Studenten die Funktionsdiagnostik und ihre Systematik als zentrales Rüstzeug für eine gute Zahnheilkunde mitzugeben. Die Struktur der Zähne und ihre Funktion müssten im Mittelpunkt des Systems stehen und von da aus wären alle weiteren Gebiete der Zahnheilkunde zu begutachten und zu erlernen.
Kieferorthopädie zur wirklichen Erhaltung des Zahnapparates
Mit einer guten Funktionsdiagnostik hätte die Kieferorthopädie, neben Kariestherapie und Parodontologie, den zentralen Stellenwert als „wahre Prophylaxe" zur lebenslangen Erhaltung der Zähne. Es wäre sofort klar, dass Kieferorthopädie ohne Kenntnisse der Funktion des Kiefergelenks an Studenten nicht vermittelbar ist. Die Betrachtung des stomatognathen Systems käme ohne gelenkdominantes Denken in die Okklusion nicht aus, und die sinnlose Herstellung von gepuderten, in maximaler „dysgnather Malokklusion fixierter Modelle" in der Kieferorthopädie gehörte dann in die graue Vorzeit zahnmedizinischen Denkens.
Ist die Zeit der Funktionsdiagnostik in unseren Universitäten stehen geblieben?
Seit meinem Studium (1965-1970) bis zur Jetztzeit werden noch immer Zahnmedizinstudenten mit der Herstellung dieser kieferorthopädischen Schaumodelle gequält und schikaniert, so als wäre die Zeit stehengeblieben.
So schafft man es - durch manuelle Beschäftigung - Studenten davon abzuhalten, Fragen zu stellen, um denken zu lernen.
- Es ist leichter sich aus dem Kerker eines Tyrannen zu befreien, als aus den Fesseln einer Idee (Ernst Jünger).
- Nichts in der Welt ist stärker als eine Idee, für die die Zeit gekommen ist (Victor Hugo).
In diesem Sinne kann die Kenntnis der Struktur einer Zahnkaufläche das Fenster für den Blick in die unendlich spannende Welt der Funktion öffnen.
Denn alles Große findet man im Kleinen und alles Kleine findet man im Großen.
Herzlichst der zahnmedizinischen Funktion verbunden,
Ihr Tilman Fritz